Morning Briefing: Kurswechsel – Merz will Deutschland an Ukraine-Schutztruppe beteiligen
Ukraine-Gipfel: Des Kanzlers Kurswechsel / Grönland-Krise: Washington ignoriert Warnung
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Paris erlebte gestern einen weiteren Ukraine-Gipfel in dem mittlerweile traditionellen Konferenzformat „Der Westen verhandelt mit sich selbst“. Aggressor Russland war wie üblich nicht vertreten. Stattdessen ging es einmal mehr darum, Geschlossenheit zu demonstrieren zwischen der Ukraine, den USA und den übrigen Mitgliedern der sogenannten „Koalition der Willigen“. Zu der gehören nicht nur ein Großteil der europäischen Staaten, sondern auch Länder wie Kanada oder die Türkei.
Die wichtigste Neuigkeit des Treffens: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine militärische Beteiligung Deutschlands an der Absicherung eines möglichen Waffenstillstands in der Ukraine in Aussicht gestellt. „Dazu kann zum Beispiel gehören, dass wir nach einem Waffenstillstand Kräfte für die Ukraine auf benachbartem Nato-Gebiet einmelden“, sagte er.
Und weiter: „Ich will für mich sagen und auch für die Bundesregierung: Wir schließen dabei grundsätzlich nichts aus.“ Das könnte bedeuten, dass Merz auch eine Stationierung von Bundeswehrsoldaten in der Ukraine selbst für möglich hält.
Kurzer Einschub für Freunde der deutschen Sprache: Das ungewöhnliche Verb „einmelden“ bedeutet so viel wie „avisieren“ oder „registrieren lassen“.
Deutschland hatte bislang stets die Position eingenommen, dass sich die Frage nach deutschen Truppen erst stelle, wenn die Bedingungen eines Waffenstillstands geklärt seien. Jetzt ändert Merz diesen Kurs.
Der französische Präsident Emmanuel Macron, der britische Premier Keir Starmer und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gingen noch einen Schritt weiter und unterzeichneten eine Absichtserklärung über die Entsendung einer multinationalen Truppe mit eigenen Stützpunkten in der Ukraine nach einem Waffenstillstand dort. Wie Macron sagte, solle die Truppe „weit von der Kontaktlinie entfernt“ eingesetzt werden.
Der US-Sondergesandte Steve Witkoff bekräftigte in Paris, die USA seien bereit, der Ukraine umfassende Sicherheitsgarantien zu geben. Die Garantien müssten so „stark wie nie“ sein, um einen erneuten russischen Angriff zu verhindern.
Es oblag Premier Starmer, mit britischer Nüchternheit auf das Offensichtliche hinzuweisen: Dass völlig unklar sei, ob Russland angesichts der fortgesetzten Angriffe auf die Ukraine überhaupt ein Kriegsende wolle.
Europa warnt Trump wegen Grönland
Zumal Kreml-Herrscher Wladimir Putin mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf setzen kann, dass der Westen in den kommenden Monaten stark mit sich selbst beschäftigt sein wird. Die großen europäischen Staaten haben die USA gestern in deutlichen Worten vor einer Annexion Grönlands gewarnt. „Es ist allein Sache Dänemarks und Grönlands, über Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen“, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Erklärung, die von Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien unterzeichnet wurde. Und weiter: Die Sicherheit in der Arktis müsse gemeinsam mit den Nato-Verbündeten durch die Wahrung der Grundsätze der UN-Charta, der Souveränität, territorialen Integrität und Unverletzlichkeit der Grenzen gewährleistet werden.
Soll im Klartext wohl heißen: Finger weg, Trump!
Wie um zu demonstrieren, dass sich der US-Präsident von solchen Erklärungen wenig beeindrucken lässt, bekräftigte die Regierung in Washington gestern ihre Haltung: Der Erwerb Grönlands habe für die nationale Sicherheit der USA Priorität und sei entscheidend, um Gegner in der Arktis abzuschrecken, teilte das Weiße Haus mit. Trump und sein Stab diskutierten eine Reihe von Optionen. Der Einsatz des Militärs sei dabei „immer eine Option“.
Aber auch ein Kauf des Landes sei denkbar, wie Marco Rubio offenbar betonte. Laut dem Wall Street Journal sagte der US-Außenminister seinen Parteikollegen, die jüngsten Drohungen gegen Grönland seien kein Zeichen einer baldigen Invasion. Stattdessen sei es das Ziel, Grönland schließlich zu kaufen.
Chemie-Wachstum nur noch in China
Die Chemieindustrie ist eine deutsche Schlüsselbranche – und blickt pessimistisch auf das gerade angelaufene Jahr. Der Branchenverband VCI erwartet für 2026 einen weiteren Rückgang der Chemieproduktion um ein Prozent. Da zugleich die Verkaufspreise weiter fallen werden, prognostiziert der Verband ein Umsatzminus von 2,5 Prozent.
Mehr als 20 Prozent an Produktionsvolumen haben die heimischen Hersteller seit 2021 eingebüßt. Die Auslastung der heimischen Anlagen ist so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr, doch die Beschäftigtenzahl ist laut VCI 2025 mit 480.000 Mitarbeitern nahezu gleich geblieben. Ein Grund: Die Firmen wollen ihre raren Fachkräfte nicht verlieren.
Auch außerhalb Deutschlands sind die Aussichten der Branche nicht rosig. Die einzige Region mit kräftigem Wachstum wird 2026 China sein, wo ein Produktionsplus von sechs Prozent erwartet wird. Schon jetzt ist China der größte Markt für Chemieprodukte weltweit. Zahlreiche deutsche Konzerne wie etwa BASF bauen dort ihre Präsenz aus.
Deutsche Hersteller setzten weiter auf Diesel
Der Dieselmotor verliert in Europa zunehmend an Bedeutung. Nur noch knapp jeder zehnte Pkw, der in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 neu zugelassen wurde, war ein Diesel. Im Gesamtjahr 2020 waren es noch fast 27 Prozent.
Gegen den Trend setzen die deutschen Autobauer weiter stark auf die Antriebsart. So liefert etwa die VW-Tochter Audi noch immer fast 24 Prozent ihrer Fahrzeuge mit Dieselmotor aus, bei BMW sind es mehr als 25 Prozent. Bei Mercedes-Benz ist die Quote mit mehr als 29 Prozent sogar höher als bei jedem anderen Hersteller und stieg zudem im vergangenen Jahr um einen Prozentpunkt. Das zeigen Daten des Dienstleisters Dataforce, die Handelsblatt-Autoreporter Michael Scheppe ausgewertet hat.
„Der Diesel ist im Pkw-Bereich kein strategisches Zukunftsmodell, sondern eine taktische Maßnahme für einige Jahre, um den Absatz hochzuhalten“, sagt Simon Schnurrer, Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Der Experte mahnt:
Derzeit verkaufen die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes in Europa mehr Dieselfahrzeuge als reine Stromer. Besonders deutlich ist der Unterschied bei Mercedes: In den ersten neun Monaten 2025 setzte die Marke in Europa rund 82.000 Elektrofahrzeuge ab – aber fast 137.000 Diesel.
Lego ohne Schmerzen
Mit Interesse habe ich gelesen, dass der dänische Spielwarenkonzern Lego auf der Technikmesse CES einen neuartigen interaktiven Baustein vorgestellt hat. Die sogenannten Smart Bricks sollen im März 2026 auf den Markt kommen. Zum Start soll unter anderem ein Raumschiffmodell angeboten werden, das auf Flugbewegungen mit Sound reagiert.
Aus schmerzhafter Erfahrung würde ich eine andere Anwendung bevorzugen: einen Legostein, der einen Warnlaut ausstößt, wenn man barfuß im dunklen Kinderzimmer auf ihn zu treten droht.
Ich wünsche Ihnen einen hellsichtigen Mittwoch.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens